Anzeige
Robert Lewandowski: Seine eigenen Tore sind ihm die liebsten

Lewy, vidi, vici

Robert Lewandowski: Seine eigenen Tore sind ihm die liebsten

An Robert Lewandowski scheiden sich die Geister. Der Pole ist einer der besten Stürmer der Welt, bei den Fans seines Arbeitgebers FC Bayern München aber längst nicht mehr unumstritten. Denn der ehemalige Dortmunder übertreibt es mit der Eigenschaft, die für jeden Torjäger unabdingbar ist: vor allem an sich selbst zu denken.

Die Liebe vieler zu Lewandowski erkaltete nach dem Saisonfinale der Bundesliga im Mai 2017. Lewandowski war beleidigt. Beim 4:1 über den SC Freiburg gehörte er nicht zu den Torschützen. Hätte er aber müssen, um erneut Torschützenkönig zu werden. So wurde es sein ehemaliger Mitspieler, mittlerweile aber Hauptkonkurrent: Pierre-Emerick Aubameyang. Um ein lächerliches Tor hängte der Gabuner Lewandowski ab. Der schmollte darob nicht nur, sondern ließ sein gekränktes Ego an seinen Mitspielern aus. Die hätten ihn nicht adäquat auf dem Weg zu seinem persönlichen Titel unterstützt.

Allgegenwärtige Transfergerüchte

Das kam gar nicht gut an, weder in der Mannschaft noch bei den Fans. Zumal Lewandowski in seiner Selbstsucht vergaß, die ihm entgegengebrachte Zuneigung längst mit regelmäßigen Gerüchten strapaziert zu haben, München den Rücken kehren zu wollen. Seit Jahren – bereits zu seiner Dortmunder Zeit – kokettiert Lewandowski mit bevorstehenden Luftveränderungen. Spanisches Klima habe es ihm angetan. Aber nicht nur Real Madrid, auch Manchester United oder der FC Chelsea London wollten den Ausnahmeangreifer angeblich schon.

Die WM in Russland war kein Empfehlungsschreiben. Das aber braucht Lewandowski ohnehin nicht mehr. In Abwesenheit des Neu-Londoners Aubameyangs war die Rückkehr auf den Thron des Torschützenkönigs der Bundesliga für Lewandowski ein Spaziergang. Dessen 29 Toren hatte der frühere Bayer Nils Petersen als Nächstplatzierter ganze 15 entgegenzusetzen.

Hummels rastet aus

Lewandowski ist sich seines Wertes bewusst. Und da beginnt das Problem. Es tritt an Tagen wie diesem offen zu Tage, als Lewandowski im Training mit Mats Hummels aneinander geriet. Hummels traute am 28. Februar 2018 seinen Augen nicht: Lewandowski band sich die Schuhe, anstatt Corentin Tolisso am Erzielen eines Tores zu hindern. Hummels geigte seinem Teamkollegen daraufhin deutlich die Meinung.

Es war nur ein Moment, ein vermeintlich unbedeutender in irgendeinem Training an einem eiskalten Frühjahrstag. Aber nicht nur, weil ihn ein Boulevardjournalist dokumentierte, ging er nicht unter. So selten derartige Einblicke in das Innenleben einer prominenten Mannschaft sind, so wertvoll sind sie auch.

Arbeitsverweigerung

Lewandowski hat Hummels in der geschilderten Szene sein Interesse an Mitarbeit vermittelt. Es mag nicht grundsätzlicher Natur sein, sondern situationsbedingt. Tagesform gewissermaßen. In einem derart exquisiten Kreis, wie jenem der Spieler des FC Bayern, aber darf sich niemand eine solche "Tagesform" erlauben. Zu groß ist die Auswahl, die dem Trainer zur Verfügung steht. Zu groß auch die Auswahl derer, die dem Trainer, vor allem aber den Kollegen, nicht das Gefühl vermitteln, über ihnen zu stehen, über dem Kollektiv, oder – schlimmstenfalls – über dem Verein.

Robert Lewandowski kam im Sommer 2010 als 21-jährige Verheißung in Dortmund und der Bundesliga an. In seinem zweiten Jahr verdrängte er den damals sehr beliebten BVB-Torjäger Lucas Barrios aus der Stammelf und übernahm die Torproduktion bei den Schwarz-Gelben. Er hat damit nach seinem Wechsel nach München 2014 so derart selbstverständlich weiter gemacht, als habe er nie das Trikot gewechselt.

Binnen neun Minuten ein Rudel Wölfe aufgemischt

Wer am 22. September 2015 Zeuge der ebenso unangekündigten wie unerwarteten Lewy-Show gegen den VfL Wolfsburg wurde, wird sie zeitlebens nicht vergessen. An jenem Abend brachen in der Hintermannschaft der Wölfe mit Pep Guardiolas Hereinnahme Lewandowskis alle Dämme und der Superstürmer gefühlt alle Bundesliga-Rekorde. Erst zur Halbzeit – Wolfsburg führte, wohlgemerkt, mit 1:0 in der Allianz Arena – eingewechselt, genügten Lewandowski sagenhafte neun Minuten, um unglaubliche fünf Mal zu treffen. Die Sahne auf den Kuchen setzte die Eleganz, mit der Lewandowski per Seitfallzieher seinen fünften Streich ins Netz wuchtete. Neun Minuten dauerte das Torbeben an. Kaum glaublich, dass anschließend noch eine knappe halbe Stunde torlos verging.

Sportlich ist Lewandowski über jeden Zweifel erhaben und erscheint beim FC Bayern unersetzbar. Dieser Klub aber hat einst nicht nur Gerd Müller ohne Not vom Hof gejagt, sondern in dessen Nachfolge reihenweise Tormaschinen, die noch in voller Blüte standen. Zum Beispiel Giovane Elber, Roy Makaay, Luca Toni, Mario Mandzukic oder Mario Gomez. Sie alle wollten nicht weg, Lewandowski aber schon mehr als ein Mal. Wer seinen Berater ernst nimmt, kommt zu keinem anderen Schluss. Und wer Lewandowskis Ausbruch aus der Teamgemeinschaft beobachtet, erst recht nicht.

Zurück zur Demut, bitte!

Lewandowski ist eine Legende der Bundesliga, mit Abstand der beste Pole, den sie bisher gesehen hat, wahrscheinlich auch der begabteste. Fußball aber wird beim FC Bayern nicht primär dafür gespielt, um Robert Lewandowski alljährlich zum besten Torschützen zu krönen. Das Ziel ist in jedem Jahr, möglichst viele Pokale als Mannschaft einzusammeln. Dabei helfen die Tore Lewandowskis. Weniger hilfreich ist jedoch dessen zunehmende Überbetonung des Eigenanteils daran.

Das könnte Sie auch interessieren:

Autor: Jörg Hausmann