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Die Mannschaft der Woche des 20. Bundesliga-Spieltags

Wer am 20. Spieltag auffiel

Die Mannschaft der Woche des 20. Bundesliga-Spieltags

18 Vereine, neun Partien, mindestens 198 Spieler: Wer hat an diesem Bundesliga-Spieltag von sich reden gemacht? Wir sagen es Ihnen und stellen Ihnen die Elf der Woche vor. Bayern, frühere Bayern, aktuelle Bayern und solche, die es wenigstens noch auf dem Papier sind, beherrschen die Szenerie. Dazu kommt ein Halbbruder und ein eingebürgerter Brasilianer.

Tor:

Thomas Kraft (Hertha BSC): Fast fünf Jahre lang war Thomas Kraft die Nummer eins im Tor von Hertha BSC. 2011 von der Bank der Münchner Bayern verpflichtet, half der zuverlässige Schlussmann mit, die Hauptstädter aus der 2. Bundesliga zurück in die Beletage zu hieven und dort wieder zu etablieren. Dann aber kam der 19. September 2015: Kraft prallte mit dem damaligen Wolfsburger Naldo zusammen und verletzte sich an der Schulter. Ersatzmann Rune Jarstein kam ins Spiel - und Kraft war seinen jahrelangen Stammplatz los. Seit dem 19. Spieltag der laufenden Saison indes ist es umgekehrt: Kraft muss den verletzten Jarstein ersetzen. Und er macht dies prima. Dass es in Bremen für die Alte Dame kein Gegentor setzt und sie mit einem 0:0 heimfährt, ist zu einem beträchtlichen Teil Kraft Reaktionsschnelligkeit und Aufmerksamkeit zu verdanken. Dass es seit Saisonbeginn 2015/16 erst Krafts achter Bundesligaeinsatz ist, bleibt unbemerkt. Das ist das größte Kompliment für einen Torwart mit derart geringer Spielpraxis.

Abwehr:

Jerome Boateng (FC Bayern München): Nur Verteidigerkollege Niklas Süle spielt im Duell mit dessen früherem Verein aus Hoffenheim mehr Pässe als Weltmeister Jerome Boateng: Klares Indiz dafür, dass die Bayern immer wieder aus einer sicheren Deckung geduldig aufgebaut haben und beim 4:2-Erfolg oft unter Druck standen. Boateng ist zu Beginn der Partie Mitglied einer Abwehr, die sich zwei Mal überrumpeln lässt. Der Meister muss nach zwölf Minuten zu Hause einem 0:2-Rückstand hinterherlaufen. Weitere 13 Minuten später heißt es allerdings schon 2:2. Durch Boateng. Der Nationalspieler hebt sich seinen ersten Saisontreffer für einen ganz besonders wichtigen Zeitpunkt auf. Eventuell hat er sich auch von seinem Halbbruder Kevin-Prince Boateng inspirieren lassen. Der hat am Abend zuvor für Eintracht Frankfurt im Heimspiel gegen Mönchengladbach als Torschütze und so genannter "Aggressive Leader" geglänzt.

Naldo (FC Schalke 04): Der Brasilianer mit deutschem Pass setzt seinen schier beängstigenden Lauf fort. Im reifen Fußballalter von 35 Jahren bleibt Naldo der Auswärtsschreck der Königsblauen. Der frühere Bremer und Wolfsburger sorgt nicht nur hinten für beruhigend sichere Verhältnisse, sondern hält vorne in schöner Regelmäßigkeit seinen kahlen Schädel in Flanken, um Königsblau Auswärtssiege und -punkte zu holen. Jetzt hat es den VfB Stuttgart erwischt. Schon wieder. Naldo leitet in der 14. Minute per Kopf das 2:0 ein - und, unwissend, den Rauswurf des gegnerischen Cheftrainers Hannes Wolf. Beim 3:1 im Hinspiel war Naldo gegen die Schwaben sein erster Saisontreffer gelungen. In der Folge schlug Naldo auch in Dortmund, Frankfurt und Leipzig zu. Elf Punkte aus den Begegnungen mit Naldo-Tor sprechen eine deutliche Sprache. Zudem gewinnt in Stuttgart niemand auf dem Feld mehr Zweikämpfe (18) als der Anführer der Gelsenkirchener. Eigentlich müsste er am Ende der Saison aufhören. Besser kann es kam um mehr werden.

Wendell (Bayer 04 Leverkusen): Wendell darf den Deckel draufmachen: Den 2:0-Arbeitssieg über den Gast aus Mainz sichert der brasilianische Verteidiger der Leverkusener in der 68. Minute vom Elfmeterpunkt aus. Der hatte Wendell auch nicht immer lieb, umso wichtiger ist es, sich diese Chance nicht entgehen zu lassen. Wendell hat seine Drei-Spiele-Sperre nach dem Platzverweis gegen Borussia Dortmund am 14. Spieltag bestens weggesteckt. Gegen Mainz gehört der 24-Jährige mal wieder zu den Aktivposten einer Mannschaft, die sich freut, angesichts ihres Höhenflugs wieder "Vizekusen" genannt werden zu dürfen.

Jeremy Toljan (Borussia Dortmund): Jeremy Toljans Veränderung aus Hoffenheim nach Dortmund ist eine der unbeachtesten der Bundesliga. Der U-21-Europameister hat sich in den Reihen der Schwarz-Gelben auf der linken Außenbahn schier unbemerkt etabliert. Das verlangt aber auch eine Ablösesumme von sieben Millionen Euro: Toljan war für den BVB alles andere als ein Schnäppchen. Tore wie jenes gegen den starken SC Freiburg zahlen zurück. Toljan entreißt mit seinem dritten Torschuss den Breisgauern in der dritten Minute der Nachspielzeit den sicher geglaubten und verdienten Sieg.

Mittelfeld:

Kevin-Prince Boateng (Eintracht Frankfurt): Die Boss der Frankfurter Eintracht haben ihn in die Bundesliga zurückgeholt, damit er genau solche 90 Minuten abliefert wie daheim gegen Borussia Mönchengladbach: Kevin-Prince Boateng reißt mit seiner Wucht und Unerschrockenheit, mit seiner Einsatzfreude und seiner Aggressivität die Mitspieler mit. Boateng führt die meisten Zweikämpfe, gewinnt - zumindest nach absoluten Zahlen - die meisten Zweikämpfe, und zwar von allen mitwirkenden Spielern. Er wird fünf Mal gefoult, mehr als jeder andere Spieler auf dem Feld, begeht aber auch fünf Fouls. Auch das ist Bestwert. Eines davon eröffnet Gladbach in der 78. Minute die Chance, Boatengs 1:0 auszugleichen. Thorgan Hazard scheitert. So deckt letztlich der 2:0-Erfolg der Frankfurter den Mantel des Erfolgs über den übertriebenen Teil von Boatengs Kampfeslust. Stehen bleibt Boatengs positiver Einfluss auf ein Spiel, das seinen Stempel trägt.

Yunus Malli (VfL Wolfsburg): Yunus Malli hat das Spiel der Wolfsburger schon auffälliger gelenkt als anlässlich des Derbys in Hannover. Doch der ehemalige Mainzer stellt jederzeit für jeden Gegner der Wölfe eine Gefahr dar. Malli hat in der 72. Minute das Niedersachsen-Derby mit seinem Treffer entschieden. Das sind Moment, die bleiben. Bei den Fans, beim VfL, aber auch bei Malli selbst. Auch, wenn es nicht das Derby im Revier oder im ganz hohen Norden ist, dass mitunter nicht nur die Region sondern die ganze Republik bewegt. Malli schießt vier Mal auf Hannovers Tor, mehr als jeder seiner Kollegen. Sein Schuss aber schlägt wie aus dem Nichts ein, noch dazu mittig, also alles andere als unhaltbar. Unter dem Strich aber nutzt 96 seine Chancen nicht. Malli schon.

Kingsley Coman (FC Bayern München): Kingsley Coman ist auf dem richtigen Weg. In derr laufenden Saison ist dem schnellen und trickreichen Franzosen beim Rekordmeister der ersehnte und prophezeite Durchbruch gelungen. Coman rechtfertigt mit seinem Auftritt daheim gegen lange wehrhafte Hoffenheimer nicht zum ersten Mal nach, warum der FC Bayern zu Beginn der Saison 21 Millionen Euro Ablösesumme in den 21-jährigen Nationalspieler investiert hat. Nur Arturo Vidal und David Alaba haben ein Mal häufiger aufs Tor geschossen, vier Mal. Mit seinen drei Torschüssen befindet sich Coman in bester Gesellschaft, in jener von Teamkollege Robert Lewandowski und in der des an Hoffenheim verliehenen Teamkollegen Serge Gnabry. Wie es funktioniert, eine Leistung zu krönen, führt Coman in der 63. Minute mit seinem sehenswerten Auftritt vor, der im 3:2 für den Gastgeber gipfelt. Das Spiel ist gedreht, und die Bayern - auch dank Coman längst Herr im Haus - legen noch zwei Treffer nach.

Angriff:

Nils Petersen (SC Freiburg): Wie ein guter Wein: Nils Petersen ist in seinem 30. Lebensjahr so gut und präsent, dass er eigentlich ein Angebot des FC Bayern erhalten müsste. In München aber war der frühere Torschützenkönig der 2. Bundesliga bereits. Aus dem Breisgau ist der treffsicherste Olympia-Stürmer des Turniers von 2016 derzeit nicht wegzudenken. Als Kapitän führt Petersen seine Mannschaft nicht nur optisch an, sondern physisch. Seit dem 13. Spieltag explodiert der ehemalige Bremer geradezu. Er hat seine Rolle des brandgefährlichen Jokers mit der des brandgefährlichen Vollzeitangreifers getauscht. Petersen muss Florian Niederlechner ersetzen. Der fehlt seit dem zehnten Spieltag - und noch länger. Petersen hat in Niederlechners Abwesenheit neun seiner zehn Saisontore markiert, alle seit dem 13. Spieltag. In Dortmund überlistet er seinen früheren Teamkollegen Roman Bürki so frech aus etwa 40 Metern, dass es kein Zufall sein kann. Dem Vernehmen nach übt Petersen solche Geniestreiche wie den Heber zum zwischenzeitlichen 2:1 in der 68. Minute regelmäßig im Training - und verfehlt sein Ziel fast nie. Zum 1:1 hat Petersen in der 21. Minute einen höchst schnellen, präzisen und gescheiten Rückpass von der Torauslinie seines talentierten Mitspielers Janik Haberer genutzt. Dass der SC Petersen in Dortmund nicht gewinnt, hat der BVB nur Manuel Guldes Unglück beim Abwehren und Jeremy Toljans Glück beim Schuss zu verdanken.

Sandro Wagner (FC Bayern München): Gegen wen sonst sollte Sandro Wagner nach seiner Rückkehr zu den Bayern zuerst treffen als gegen seinen Ex-Klub? Der WM-Kandidat setzt im Heimspiel gegen Hoffenheim nur sechs Minuten nach seiner Einwechslung den Schlusspunkt. 5:2. Die Bayern sind nach Anlaufschwierigkeiten glücklich. Wagner auch. Aber gedämpft. "Ich bin Realist. Ich habe heute ein Tor gemacht, das nicht so schwer war, und nur ein paar Minuten gespielt. Ich könnte mich hier feiern, das mache ich ein anderes Mal. Klar freut mich das Tor, aber wir hätten sowieso gewonnen", zitierte ihn anschließend der "kicker". Wagner ist zum siebten Mal in der Bundesliga im roten Trikot des Rekordmeisters im Einsatz, zum ersten Mal trifft er für die Bayern. Weil er weiß, worauf es ankommt. "Es war meine erste Torchance hier in Pflichtspielen. Klar kriegst du hier mehr Chancen als woanders, weil die Qualität eine andere ist als bei jedem anderen Bundesligisten. Das wusste ich, deswegen habe ich die Stellenbeschreibung gut gelesen und gewusst, dass ich auch in wenigen Minuten meine Chancen bekomme und meine Tore machen kann. Ob ich sie dann mache, liegt an mir. Heute hat es geklappt, ich hoffe, dass es so weitergeht."

Serge Gnabry (TSG 1899 Hoffenheim): Serge Gnabry hat in der laufenden Bundesligasaison nur gegen RB Leipzig getroffen - und gegen den FC Bayern. Insofern kurios, als Gnabry dem überlegenen Tabellenführer gehört. Leihweise aber spielt Gnabry in Hoffenheim. Und das so brauchbar, dass dem 22-Jährigen im Sommer nach dem EM-Titel mit der deutschen U21 die WM-Teilnahme in Russland winkt. Beim 2:5 bei den Bayern aber wurde binnen 90 Minuten sichtbar, was Gnabry generell noch fehlt: Konstanz. Im übertragenen Sinne gesprochen, bringt der Vollgas- und Vollblutstürmer seine PS nur temporär auf die Straße. Wie bei seinem Schuss zum zwischenzeitlichen 2:0 in der zwölften Minute. Vor dem 1:0, das Mark Uth im Nachschuss erzielt, scheitert Gnabry mit seinem Foulelfmeter jedoch an Neuer-Vertreter Sven Ulreich. Es sind diese Momente, über die Gnabry nachzudenken hat. Und es möglicherweise tut, wenn er nach der Begegnung deren Stätte schweigend verlässt.

Alle Mannschaften der Woche:

Autor: Jörg Hausmann